Sylvestergedanken

Liebster Blog,

Sylvester konnte ich noch nie leiden. Als Kind habe ich schon die laute Knallerei gehasst und mich ängstlich im sicheren Haus versteckt. Feuerwerk? Nein danke. Das Einzige, was ich toll fand und finde sind Wunderkerzen. Das wars dann aber auch schon.

Und je älter ich wurde, desto ernüchternder liefen meine Jahreswechsel. Feiern gehen an Sylvester? Katastrophe, immer viel zu viel los, zu laut und zu teuer. Und spontan irgendwo hingehen kann man sowieso vergessen, was ich auch auf die harte Tour lernen musste, indem ich Abende auf der Straße verbracht habe und von Club zu Club lief, um vielleicht doch noch irgendwo reinzukommen.

Und dann ging es irgendwann los, dass ich keine Lust mehr hatte, auf das vergangene Jahr zurückzublicken. Jedes Mal war irgendetwas Schlimmes passiert. Job verloren. Ausbildung abgebrochen. Vom Freund getrennt. Umzug. Selbstmordgedanken. Klinikaufenthalte. Ich kam mir irgendwann vor wie in einer nie enden wollenden Spirale, und so oft ich zurücksah, desto verschwendeter kamen mir die vergangenen Jahre vor.

Ich fing an, nach vorne zu schauen. Und zu hoffen, dass das nächste Jahr besser wird. Aber es wurde nicht besser. Irgendwas war immer, so dass ich am Ende des Jahres doch wieder da stand und mich in Selbstmitleid über mein verkorkstes Leben suhlte.

Seitdem bin ich ein richtiger Sylvestergrinch geworden. Ich habe nun schon einige allein daheim verbracht. Ich habe mir keine Jahresrückblicke angeschaut. Nur Dinner for one. Letztes Jahr war ich krank über Sylvester, ließ den Verlobten zu Freunden gehen, ging um 21 Uhr ins Bett und verschlief das blöde Geballer. Auch nicht schlimm. Ich habe einfach keine Lust, zurückzuschauen, und mir irgendetwas vorzunehmen oder mich auf etwas zu freuen, davor habe ich Angst. Es kommt ja doch nie so, wie man erwartet. Und dann ist die Enttäuschung umso größer. Ich versuche, in den Tag hinein zu leben und nicht zu viel zu erwarten. Und mich zu freuen, wenn etwas gut geht. Und es zu mit Zynismus zu akzeptieren, wenn wieder etwas Schlimmes passiert. So ist mein Leben nun einmal. Solange es weitergeht, ist es okay.

Am Sylvester nach der Trennung vom Ex stand ich auf meinem Balkon im 7. Stock und hatte das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, es ginge nicht weiter. Hätte ich nicht das Katzennetz und meine Schwestern gehabt die bei mir waren, hätte ich mich vom Balkon gestürzt. Stattdessen betrank ich mich bis fast zu Besinnungslosigkeit. Schlimmstes Sylvester ever.

Deshalb, tschüß, altes Jahr – ich blicke nicht zurück, sondern nach vorn – und hallo, neues Jahr. Vielleicht gehen ja dieses Mal ein paar Wünsche in Erfüllung. Oder auch nicht. Wir werden sehen.

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